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Kinderorthopädie

Ist Kinderorthopädie Orthopädie an kleinen Erwachsenen oder handelt es sich hierbei um das Beurteilen von Kinderfüssen und abgeben von Schuheinlagen?

Sicherlich nicht. Wir alle wissen, dass Kinder ganz anderen Gesetzmässigkeiten und Bedürfnissen folgen und diesen nachleben. Womit beschäftigt sich also die Kinderorthopädie, wenn nicht, wie bei den Erwachsenen hauptsächlich, mit Abnützungserscheinungen und Unfallfolgen?

Breites Spektrum

Der Begriff Orthopädie wird aus dem Griechischen abgeleitet von Orthos (= gerade) und Pais (= Kind), bzw. Paideuein (=Erziehen). Das heisst, die Kinderorthopäden sind Gerade-Erzieher. Wie muss man sich nun dieses Gerade-Erziehen vorstellen? Die Haupttätigkeit des Kinderorthopäden besteht in der Regel darin, dass das „Normale“ erkannt und die Kinder und deren Eltern über diese Normalität aufgeklärt werden. Da die Kindheit vom Neugeborenen bis zum Adoleszenten reicht, ist das Spektrum der „normalen Situation“ je nach Alter, Geschlecht und Typ unterschiedlich, so dass die Beurteilung, ob etwas normal oder nicht mehr normal ist, von einem ausgedehnten Grundwissen abhängt. Sind O-Beine beim Neugeborenen normal? Ab wann werden es X-Beine, und wie muss die Beinachsenstellung sein bei Pubertierenden? Dürfen Kleinkinder einwärtsgehen und wo liegt die Ursache? Hat eine Abflachung der Fusslängswölbung Probleme zur Folge? Brauchen diese Füsse gar Schuheinlagen? Nimmt ein krummer Rücken im Wachstum zu? Was passiert nach einem Bruch mit dem Wachstum?

Faszination Kinderorthopädie

All diese Fragen stellen sich Kinderorthopäden, und es ist nicht verwunderlich, dass auch in diesem Bereiche eine zunehmende Spezialisierung stattfindet. Wie bereits erwähnt unterscheidet sich die kinderorthopädische Sprechstunde deutlich in ihrer Form von der Erwachsenen-Sprechstunde, da nicht nur das Kind anwesend ist, sondern auch ein oder zwei Elternteile. Hier zeigt sich aber auch das Faszinierende am Umgang mit Kindern, da diese höchstselten selber den Wunsch zur Abklärung und Behandlung äussern. Häufiger erfolgt die Vorstellung aus der Angst der Eltern heraus, etwas sei nicht normal, und sie würden, beim Unterlassen einer Abklärung, später wenn das Kind erwachsen ist, Vorwürfe erhalten. Eltern können Angst vor einem möglichen Tumor haben oder sie suchen ganz einfach nach einer Unterstützung für ihre erzieherischen Massnahmen. Auch kann es sein, dass ein Kollege eine kinderorthopädische Abklärung und Beurteilung für ein Leiden wünscht, um auch diese Betrachtungsweise mit einzuschliessen.

Meist Beratung oder konservative Therapie

Schon anhand dieser Beweggründe ist ersichtlich, dass ca. 70% der Beratungen reine Aufklärungen sind. 20% führen zu einer konservativen Therapie (Physiotherapie, Gipsbehandlung, Schienenbehandlung) und nur gerade 10% führen zu einer Operation. Da die Kinder selber selten unter ihrem „Problem“ leiden, sie aber die Behandlung erdulden müssen, ist ein kinderangepasstes Gespräch eine wichtige Grundlage für eine erfolgversprechende Therapie. Handelt es sich hierbei z.B. um die Behandlung bei angeborenen Hüftdysplasien/-Luxationen (ausgerenkten Hüftgelenken) so wird sich das Neugeborene sicherlich nicht zur Abspreizschienenbehandlung äussern können, die Mutter überträgt aber ihre Erwartungen und Gefühle zur Therapieform so auf das Kind, dass dieses sich normal entwickeln kann.

Verständliche Aufklärung zu Therapie und Nachbehandlung

Handelt es sich um Kinder im Schulalter, so müssen diese die gesamte Behandlung mit allen Konsequenzen verstehen, um damit umgehen zu können. Als Beispiel sei hier die Behandlung des Einwärtsganges genannt. Es ist wichtig, dass die bei einer allfällig nötigen Operation ca. 6-9-jährigen Kinder auch die Nachbehandlung mit 4 Wochen Liegegips sowie 2 weiteren Wochen Unterschenkelgehgips mit allen Konsequenzen verstanden haben, um durch die Behandlung nicht zu stark zu leiden. Noch schwieriger gestaltet sich z. B. die Behandlung mit einem Korsett bei einer Wirbelsäulenverkrümmung in der Pubertät, da in diesem Alter Kinder (wie wir alle) sich besonders ungern von den anderen Adoleszenten unterscheiden und somit auch ein Korsett nur sehr ungern tragen.

Trotz all diesen „Erschwernissen“, was ist es, das die Faszination der Kinderorthopädie, oder generell der Arbeit mit Kindern, ausmacht? - Kinder richten sich nicht nach der Welt der Erwachsenen. Ihr innerster Drang ist es, sich im Spiel zu entwickeln und zu entfalten. Es muss somit das oberstes Ziel des Kinderorthopäden sein, diesen Drang nicht zu behindern und trotzdem das Kind vor allfälligen Folgeproblemen im Erwachsenenalter zu bewahren. Dies alles erscheint kompliziert und schwierig, doch danken die Kinder alle Bemühungen (sofern diese kindergerecht durchgeführt werden) mit einem freundlichen Lächeln sowie einer unkomplizierten direkten Art.

Kontakt

Kantonsspital Frauenfeld
Klinik für Orthopädie und Traumatologie
Postfach, 8501 Frauenfeld
Tel. 052 723 79 52
Fax 052 723 74 28



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